Monday, 7. september 2009
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Berufsprovokateur Michael Moore rockt die Filmfestspiele in Venedig. Sein neuer Film "Capitalism: A Love Story" ist nichts Geringeres als der gnadenlos manipulative und mitreißende Aufruf zur Weltrevolution.
Zum Kapitalismuskritiker wird man bei den Filmfestspielen in Venedig wie von allein, dazu reicht eine einfache Fahrt mit den
öffentlichen Wasserbussen (6,50 Euro) oder der Genuss eines mittleren Biers (fünf Euro, mindestens). Insofern kein Wunder, dass gestern Abend auf der überfüllten ersten Pressevorführung von Michael
Moores neuem Film nicht wenige Festivalgäste schon applaudiert haben, als nur der Titel eingeblendet wurde: "Capitalism: A Love Story". Das sollte keine Liebesgeschichte werden, die Zuschauer
warteten auf eine Abrechnung. Und die sollten sie bekommen.
Nach seiner Hasspredigt auf George W. Bush ("Fahrenheit 9/11") und dem Abgesang auf das amerikanische Gesundheitssystem ("Sicko") widmet sich der erfolgreichste und umstrittenste Dokumentarfilmer
dieser Zeit diesmal also dem großen Ganzen. Das System ist kaputt, findet Michael Moore, und der Kapitalismus an allem Schuld. Seine Botschaft: Weg damit!
Rambazamba, Propaganda!
Um die Revolution auf den Weg zu bringen, holt er weit aus. Mit Bildern aus dem alten Rom vergleicht er die heutigen Zustände: Eine
kleine Elite habe das Geld und die Macht, es gebe nur Arm und Reich, das Volk werde mit Kriegen und stumpfer Unterhaltung ruhiggestellt. Und ganz unten vegetiere eine Armee von ausgebeuteten
Sklaven, die das Imperium letztlich zu Fall bringen würde. Damit ist der Tonfall gesetzt: keine ausgewogene Wirtschaftsanalyse, sondern offene Propaganda. Der besten Sorte.
Denn der Mann weiß, wie das geht. Erst mal werden willkürlich Beispiele für die Ungerechtigkeiten auf Erden präsentiert: ein
heruntergekommenes Detroit, wo das Herz der amerikanischen Autobranche schlug. Ein verzweifeltes Ehepaar aus Illinois, das im Zuge der Finanzkrise sein Haus verloren hat. Der Pilot, der sich
zeitweise mit Essensmarken über Wasser halten musste, weil ihm die Fluggesellschaft nur ein Jahresgehalt von 16.000 Dollar gönnt. Die weinende Frau, deren Ehemann gestorben ist, woran seine Firma
wegen einer heimlich aufgesetzten Lebensversicherung Millionen verdient hat. Was ist das für eine Welt, fragt Michael Moore, in der ein Mitarbeiter seinem Arbeitgeber tot mehr wert ist als
lebendig?Die Feindbilder, das sind die Banken und diejenigen, die Moore als ihre Handlanger ansieht - Ronald Reagan als Ursprung allen Übels und natürlich
wieder sein Lieblingsgegner George W. Bush, der im Gegensatz zu "Fahrenheit 9/11" diesmal weniger als Depp denn als sinistrer Verschwörungsmeister dargestellt wird.
Provokation, die sich rechnet
Die Guten, das sind die Arbeiter und die einfachen Leute, aber auch Vertreter der katholischen Kirche, die Moore genüsslich von der
Sündhaftigkeit des modernen Kapitalismus erzählen lässt. Und Obama natürlich, der als Retter und Erlöser zwar nur kurz auftaucht, dafür aber auch nicht mit
seiner fragwürdigen Haltung zum Bankenrettungspaket belangt wird, das Moore so rigoros ablehnt.
Dazu kommen seine berühmten Guerilla-Späße, wie mit einem leeren Geldtransporter an die Wall Street zu fahren, um von den Banken
persönlich die Milliarden zurückzufordern, die ihnen die Steuerzahler zuschießen mussten. Oder ein paar Kongressabgeordneten aufzulauern, um sich erklären zu lassen, was eigentlich ein
Derivat ist. Die Masche kennt man aus früheren Moore-Filmen zu genüge, Spaß macht sie immer noch.
Man kann Michael Moore wie immer eine extrem selektive Wahrnehmung vorwerfen, Tatsachenverdrehung und billige Polemik. Eine echte
Lösung hat er auch nicht zu bieten, er deutet höchstens an, dass man es vielleicht wieder mit etwas Sozialismus versuchen könnte. Entscheidend aber ist: "Capitalism: A Love Story" ist ein
rundherum ehrliches, leidenschaftliches Projekt. Der Film fordert Gerechtigkeit und Veränderung für eine Welt, in der es zu vielen Menschen viel zu schlecht geht.
Die erste Pressevorführung in Venedig endete mit euphorischem Beifall. Man sah förmlich die roten Fahnen auf dem Teppich wehen. Am
Bierstand haben danach trotzdem alle wieder brav ihre fünf Euro hingelegt.
Quelle: Spiegel Online - Artikel: Daniel Sander